Monday, May 18, 2009

Ghosted (曖昧)-Gute Reise, meine Liebe!



So fängt der Film an. Der Rauch des verbrannten „Papiergeldes“ steigt langsam nach oben, und der Zuschauer erspäht auf der Leinwand eine außergewöhnliche Landschaft: Prächtige Gebirge.

Das Papiergeld wird von den Hinterbliebenen als Geschenk für die „Reise“ nach dem Tod der Verstorbenen verbrannt. Verstorben ist eine lebensfrohe junge Taiwanerin Ai-ling, deren Sehnsucht nach einem Familiegeheimnis sie nach Deutschland gebracht hat. Dort trifft sie eine Künstlerin Sophie aus Hamburg. Schnell ist Liebe im Spiel, die alle Grenze überwindet. Dreh- und Angelpunkt der Tragödie ist Ai-lings unaufgeklärter Tod, dessen Folge auf Sophies Videoausstellung, ein Andenken für Ai-ling, in Taipeh noch zu spüren ist.

Im Folgenden gewinnt der Film an Spannung: Auf der Videoausstellung trifft Sophie eine avancierte Journalistin oder besser gesagt: die Doppelgängerin Ai-lings. Dies wird durch den Schnitt verdeutlicht, durch den eine Parallele zwischen Ai-ling und Journalistin Mei-li gezogen wird, als Sophie dieser zum ersten Mal begegnet. Hierdurch verkündet Monika Treut ihr Spiel mit Identität und zieht den Zuschauer in einen Strudel von Realität und Fiktion. Mei-li tritt als eine Verkörperung der verstorbenen Ai-ling in Erscheinung.

Die Motive von Verkörperung und Doppelung werden mittels eines Spiels der Räumlichkeiten zum Ausdruck gebracht. Zunächst lernen sich Sophie und Ai-ling im Kino kennen. Hinterher trifft Sophie Mei-li auf ihrer Videoausstellung, deren Bestandteile alltägliche Videosequenzen von Ai-ling sind. Darüber hinaus machen die Videoaufnahmen ab und zu die Ganzheit des Bildes aus und man fragt sich, ob es gerade um die Erinnerung, oder die echte Videoaufnehmen von Sophie oder Sophies Phantasie geht. Kino, Videoausstellung, Videoaufnahmen, Erinnerung, Phantasie. Sie sind einerseits Fiktion und anderseits Realität, oder werden zum Teil vermischt. Doch Realität kann in ihrer Gesamtheit nur erfasst werden, wenn sie die Fiktion mit einschließt, so der Regeussieur Carlos Saura, der sich stets mit dem Thema Erinnerung und Realität befasst hat. Ein treffendes Beispiel hierfür, ist die Situation in der Sophie zu Mei-ling sagt, dass sie nicht bereit für neue Liebe ist: „Ich will Ai-ling nicht vergessen.“

Einst ist klar, es geht um den Verlust der Liebe. Dennoch wird der Geist, laut taiwanischer Mythologie in irgendeiner Form bleiben, oder zumindest glauben viele daran. So sagt Schauspielerin Huang-Ru Ke bei einem Interview etwa, dass die Liebe von ihrer verstorbenen Oma nach wie vor bleibt. Das heißt, die Liebe oder der Geist ohne Form des Körpers bleibt schlechthin, jedoch wartet eine Reise auf die Verstorbenen. Damit die Verstorbenen sorglos auf die Reise gehen können, müssen sich auch die Hinterbliebenen von ihnen verabschieden. So entscheidet sich Sophie kurzerhand endlich nach Taipeh zu fahren, dort die Familie Ai-ling zu besuchen und an der Abschiedzeremonie teilzunehmen.

Egal ob Mei-li ein Geist oder eine Verkörperung ist, muss Sophie sich nun tatsächlich von Ai-ling verabschieden. Zum zweiten Mal sieht der Zuschauer das erste Bild mit dem Rauch des Papier-geldes mitten Gebirge in Taiwan. Bei dem taiwanischen Abschied wird sämtliches Essen und Geld für den Verstorbenen vorbereitet. Sowohl für Sophie, als auch für Ai-ling beginnt nun ihre Reise.

Etwas exotisch für asiatische Verhältnisse mutet das herrvoragende Englisch und die Wortwahl von Ai-Lings Mutter an. Selten kann eine Taiwanerin in diesem Alter mit der englischen Sprache derart reibungslos umgehen. Aber auch hier mag es sein, dass die Mutter ihrer eigenen Tochter verbirgt, was sie vor ihrer Geburt erlebt hat.

Im Großen und Ganzen ist Ghosted weit davon entfernt kitschig zu sein. Es ist ein umfangreiches und einfühlsames Werk, das sich mit den Themen Liebe, Homosexualität und Kulturunterschieden befasst. Für die tiefe Durchwirktheit der interkulturellen Beobachtung darf ich, als eine Taiwanerin, Monika Treut danken, die ein objektives Bild Taiwans auf dem Bildschirm präsentiert.


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